Meinung & Position

71 Jahre nach Hiroshima: Nuklearer Frieden?

Atomexplosion Redwing Mohawk

Heute vor 71 Jahren fiel die erste im Kriege verwendete Atombombe auf eine Großstadt. In Hiroshima starben knapp 100.000 Menschen (Historiker streiten über die genaue Zahl) innerhalb von Sekundenbruchteilen. Verglüht unter dem Feuerball, von Initialstrahlung getötet, zermalmt von umherfliegenden Trümmern, verbrannt im Feuersturm.

Hiroshima war ein Kriegsverbrechen, war Massenmord. Und ist immer noch ein Verbrechen, den bis zum heutigen Tage sterben Menschen an den Spätfolgen des Bombenabwurfs. Aufgrund durch die radioaktive Strahlung angerichteter Schäden werden noch viele kommende Generationen leiden.

Darum geht es mir, so unfassbar grausam die damit angerichtete Realität auch ist, aber in diesem Text nicht. Ich möchte über die Bedeutung des Vorhandenseins von nuklearen Waffen nachdenken.

Seit 71 Jahren verfügt die Menschheit (bzw. einige staatlich organisierte Teile davon) über ein Instrument, welches in der Lage ist, die Menschheit selbst zu vernichten. Auch heute, ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten Krieges, ist immer noch genug nukleare Sprengkraft unverzüglich abschussbereit vorhanden, um fast jeder einzelnen Person auf diesem Planeten dieselbe Sprengkraft auf den Kopf zu hauen, die seinerzeit Hiroshima in Trümmer gelegt hat. Overkill. Mehrfach. Immer noch.

Seit Hiroshima und Nagasaki ist die Atombombe in einem Krieg nicht mehr verwendet worden. Das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass eine Waffe, über die verfügt werden könnte, nicht eingesetzt wird. Selbst augenscheinlich unbeherrschte Staatenlenker wie Nixon, Regean, Breschnew, Mao, Netanjahu, Kim Jong-Il, Thatcher, usw., haben niemals auf den Roten Knopf gedrückt, auch wenn es ihre jeweiligen Probleme möglicherweise (in radioaktiven Staub) gelöst hätte.

Start einer Atomrakete (Symbolfoto)Es gibt die Theorie vom „nuklearen Frieden“, sich gegenseitig mit der totalen Vernichtung zu drohen würde Krieg unmöglich machen – das sogenannte Gleichgewicht des Schreckens. Diese Theorie scheint zu stimmen, zumindest bis zum heutigen Tage: Großmächte haben seit 1945 nicht mehr direkt gegeneinander Krieg geführt (dafür allerdings das perverse Instrument des Stellvertreterkrieges perfektioniert – aktuellstes Beispiel Syrien). So etwas gab es in der gesamten durch Quellen erschlossenen Weltgeschichte bisher nicht. Nuklearwaffen scheinen Frieden zu erzeugen.

Was folgert daraus? So viele Atomwaffen in so vielen Händen wie möglich, um Frieden aus Angst vor totaler Vernichtung zu erzwingen?

Ein ganz klares nein! Immer noch und in jüngster Zeit wohl schlimmer als in den Jahren zuvor bleibt z.B. die Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen. Monitore zeigen wegen Vogelkot auf Radarschüsseln falsche Werte, irgendein Algorithmus schlussfolgert falsch, von menschlichem Versagen oder menschlicher Niedertracht gar nicht zu reden. Inzwischen berühmt in diesem Zusammenhang ist der Vorfall in der Nacht vom 25./26. September 1983: Wahrscheinlich rettete damals ein einzelner Mann, Stanislaw Petrow, die Welt vor einem Atomkrieg – weil er die vom Computer des Frühwarnsystems angezeigten anfliegenden Raketen richtigerweise als Fehlalarm interpretierte. Weniger bekannt, aber wohl noch gefährlicher war ein Zwischenfall am 25. Januar 1995 (also nach Ende des Kalten Krieges!): Eine von Norwegen aus gestartete Höhenforschungsrakete wurde durch das russische Militär minutenlang für eine durch ein U-Boot abgefeuerte Atomrakete gehalten. Dieses ging so weit, dass der damalige russische Präsident Boris Jelzin informiert und ihm der „Atomkoffer“ gebracht wurde, und dann schon irgendwelche Codes eingegeben worden sind. Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Folgen heute solche Fehler hätten. Zwar ist aufgrund der Geheimhaltung natürlich nichts genaues über die heutigen Frühwarnsysteme bekannt, es liegt allerdings nahe, dass Computerisierung und Bewertung durch Algorithmen eine weit entscheidendere Rolle spielen als zur Zeit der genannten Beinahe-Katastrophen.

Ebenso ist heute bekannt, dass schon ein „kleiner“, regional begrenzter Krieg mit wenigen Atomwaffen eine globale Katastrophe auslösen würde. Gerne wird für solche wissenschaftlichen Studien das Beispiel eines Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan herangezogen. Entsprechende Simulationen zeigen, dass wegen extremer weltweiter Klimaveränderungen über eine Milliarde Menschen akut vom Hungertod bedroht wären und die Ozonschicht weitgehend zerstört würde.

Atomexplosion Redwing DakotaDass über sieben Jahrzehnte keine Atomwaffen in einem Krieg eingesetzt worden sind, beinhaltet keinerlei Garantie dafür, dass dieses nie passieren wird. Solange Nuklearwaffen existieren, ist auch ein Atomkrieg möglich.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat 1996 in einem Rechtsgutachten klargestellt, dass sowohl Androhung als auch Einsatz von Kernwaffen gegen das Völkerrecht verstoßen, also schlicht illegal sind. Bereits seit 1968 gibt es den Atomwaffensperrvertrag, der inzwischen von fast allen Länder der Erde unterzeichnet worden ist (außer den Atommächten Indien, Israel und Pakistan). In diesem Vertrag haben sich die fünf „offiziellen“ Kernwaffenstaaten zur „allgemeinen und vollständigen Abrüstung unter strenger und wirksamer internationaler Kontrolle“ verpflichtet. Passiert ist: nichts. Inzwischen gibt es neun Staaten, die über Atomwaffen verfügen. Alle großen Atommächte sind gerade dabei, ihre Arsenale zu modernisieren. Keine guten Voraussetzungen, um endlich die perverse Logik der nuklearen Abschreckung zu überwinden.

Auch die Bundesrepublik Deutschland ist indirekt eine Atommacht: Durch die sogenannte Nukleare Teilhabe der NATO ist die Bundeswehr an der Entwicklung von Atomkriegsplänen beteiligt, Jagdbomber der Luftwaffe sind als Trägersysteme für Atombomben ausgelegt, Mannschaften üben den Einsatz. Zwar befinden sich die Kernwaffen unter us-amerikanischer Kontrolle, sollen aber im Kriegsfall durch deutsche Flugzeuge abgeworfen werden. Auf dem Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz sind gegenwärtig ca. 20 Atombomben gelagert, welche gerade modernisiert worden sind.

Alles dies zeigt: Ohne massiven politischen Druck und organisierten Widerstand wird das Ziel einer atomwaffenfreien Welt nicht näher rücken. Eigentlich hatte der Bundestag 2010 parteiübergreifend beschlossen, mit den USA über den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland zu verhandeln. Passiert ist eher das Gegenteil. Dabei müsste noch mehr geschehen, um wirklich „Sand im Getriebe“ der Atommächte sein zu können: Eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa (wie schon zu Zeiten des Kalten Krieges von der damaligen Friedensbewegung vorgeschlagen) wäre gerade jetzt, in Zeiten neuer geopolitischer Rivalitäten zwischen der NATO und Russland, ein wichtiger Beitrag zur Entspannung. Im Moment sieht es allerdings so aus, als ob die weitere Entwicklung in die andere Richtung verläuft.Atomwaffenfrei. Jetzt!